Rezension / Review Gothic Modern in Helsinki
Gothic Modern: From Darkness to Light in Helsinki 4.10.2024–26.1.2025
https://ateneum.fi/en/exhibitions/gothic-modern/
Es ist selten, dass eine Kunstausstellung einem direkt auf den Leib geschnitten scheint. So konnte ich mein Glück kaum fassen, als ich vor einigen Jahren die Ankündigung auf der Homepage des Ateneums, der Finnischen Nationalgalerie, in Helsinki entdeckte: Gothic Modern: From Darkness to Light. Ein internationales Ausstellungsprojekt über die variationsreiche Rezeption der Kunst des Mittelalters und der Renaissance durch die Künstler des 19. und 20. Jahrhunderts.
In Helsinki 2024/25 kuriert von der Museumsdirektorin Anna-Maria von Bonsdorff und Gastkuratorin Juliet Simpson (Coventry University), wird die Ausstellung 2025/26 noch weiter in die Norwegische Nationalgalerie in Oslo (kuratiert von Vibeke Waallann Hansen und Cynthia Osiecki) und in die Albertina in Wien (kuratiert von Ralph Gleis) wandern.
Nachdem ich schon eine Weile von Vorfreude erfüllt war, konnte ich dann im Dezember 2024 in die Finnische Dunkelheit reisen, um die Ausstellung zu besuchen. In der Tat kann man sich für eine derartige Ausstellung keine geeignetere Stadt als Helsinki mit seiner einzigartigen Subkultur und keinen besseren Ort vorstellen als das imposante, von Theodor Höijer (1843–1910) im Jahr 1887 entworfene Ateneum-Gebäude im Stil der Neorenaissance. Es hat etwas ganz Bezauberndes diesen Tempel der Kunst zu betreten, vom Lärm der belebten Bahnhofsgegend hinein in die feierliche Stille, welche die ausgestellten Werke umgibt.
Um zur Ausstellung zu gelangen, steigt man die breite steinerne Treppe mit dem filigranen floralen Geländer aus Gusseisen empor und taucht zugleich in das farbige Licht der Gotik ein. Denn vor dem Eingang zum ersten Ausstellungsraum empfängt den Besucher die Lichtinstallation einer gotischen Kathedrale sowie einer großen leuchtenden Rosette. Das Zusammenspiel der antikisierenden Architektur des Ateneums mit den auf sie projizierten gotischen Architekturdetails ergibt dabei einen sehr reizvollen Effekt. In dem Sinne bestens auf das Thema der Ausstellung eingestimmt, begibt man sich nun auf den Weg durch die in satten Farbtönen wie Violett und Orange gestalteten Räume, um die Malerei, Grafik und Skulptur von u.a. Akseli Gallen-Kallela, Vincent van Gogh, Theodor Kittelsen, Käthe Kollwitz, Edvard Munch, Hugo Simberg, Helene Schjerfbeck, Marianne Stokes, Gustave Van de Woestyne und Arnold Böcklin zu entdecken.
Im ersten Raum empfängt mich jedoch zunächst ein alter Bekannter: Karl Friedrich Schinkel und sein Gemälde „Mittelalterliche Stadt an einem Fluß“ (1) von 1815, auf dem sich eine noch im Bau befindliche gotische Kathedrale leuchtend vor einem Gewitterhimmel mit Regenbogen abhebt. Neben der mittelalterlichen Kunst waren es nämlich die romantischen oder revitalistischen Gotik-Visionen der erste Hälfte des 19.Jahrhunderts, welche die Künstler der Moderne inspirierten. Gerade die unheimliche gotische Stadt wurde in den 1870er und 1880er Jahren zur Kulisse der imaginierten Zeitreise der Künstler und zum Schauplatz für neue künstlerische Experimente. (2)
In den einzelnen Ausstellungsräumen wird die moderne Kunst immer wieder durch Bildwerke, Plastiken oder Architekturdetails aus Mittelalter oder Renaissance ergänzt. Die Inspirationsquellen der Künstler des 19. und 20. Jahrhunderts werden so offengelegt. Es wird schnell klar, was die Faszination dieser Kunst damals wie heute ausmacht: es sind die emotionalen Darstellungen von universalen Themen der menschlichen Existenz wie Geburt, Tod, Liebe, Leiden, Gewalt und Sexualität. Durch die Transformation der Kunst des Mittelalters und der Renaissance gelangten die Künstler um 1900 zu individuellen Lösungen, mit den der menschlichen Natur eigenen Problemen ebenso wie mit den Herausforderungen der eigenen Zeit umzugehen. Dabei lässt sich eine Reihe von immer wiederkehrenden Motiven und Themen feststellen, welche die Künstler um 1900 teils höchst individuell bearbeiteten. Neben der gotischen Stadt sind dies solche Einzelmotive wie Der Tod und das Mädchen oder Adam und Eva, die Inspiration durch die mittelalterlichen Totentanz-Darstellungen oder die Vorstellung vom Künstler als Mönch und Pilger.(3)
Die Kunstwerke der Zeit um 1900 zeichnet sich durch eine – wie bei Edvard Munch sehr persönliche – Symbolik aus, die vielfältige Aspekte vereint. Besonders reizvoll erscheint dabei die Verbindung von Weiblichkeit mit Tod, Vergänglichkeit, oder auch Auferstehung, die auch heute noch den Betrachter in ihren Bann zieht. Sei es der weibliche Todesengel mit seinen mächtigen federartigen Flügeln, der auf dem Gemälde von Marianne Stokes (Death and the Maiden, 1908) der zarten Jungfrau in ihrer Kammer erscheint, das vampireske junge Mädchen auf Edvard Munchs Holzschnitt (Rouge & Noir, 1898) oder die nackte junge Frau die auf Akseli Gallen-Kallelas altarähnlichem Schrein mit erhobenen Händen zu den Sternen strebt (Ad Astra, 1907).
Die morbide Schönheit von Tod, Vergänglichkeit und Verfall, die sich gepaart mit einer Portion Erotik durch die ganze Ausstellung zieht, wirkt im wahrsten Sinne des Wortes bezaubernd. Nur so lässt sich der riesige Erfolg der Ausstellung und die auch bei meinem Besuch in Massen erschienenen Besucher erklären. Das vorwiegend in Schwarz gekleidete, zum Teil deutlich der Gothic- oder Metal-Szene angehörige Publikum, macht deutlich, dass die Ausstellung zumindest hier in Finnland einen Nerv getroffen hat und ein sehr vertrautes Lebensgefühl vermittelt. Die Dunkelheit ist eben nicht nur einfach schwarz und leer, sie ist gefüllt mit gotischem Licht und Inspiration!
Anmerkungen:
(1) Karl Friedrich Schinkel (1781–1841): Mittelalterliche Stadt an einem Fluß, 1815, Öl auf Leinwand, 95 x 140,6 cm, Alte Nationalgalerie Berlin, Abb. siehe: https://recherche.smb.museum/detail/967064
(2) Zum Motiv der Gothic Stadt vgl.: Juliet Simpson: Journeys to the Gothic –Imagining and creating a Gothic Modern. In: Juliet Simpson/Anna-Maria von Bonsdorff (Hg.): Gothic Modern – From Edvard Munch to Käthe Kollwitz. Ausstellungskatalog (Englische Ausgabe). Helsinki 2024, S.10-35, hier S. 18-20.
(3) Diese Einzelmotive und Themen werden im dazugehörigen Ausstellungskatalog in verschiedenen Artikeln vertieft. Vgl. Juliet Simpson/Anna-Maria von Bonsdorff (Hg.): Gothic Modern – From Edvard Munch to Käthe Kollwitz. Ausstellungskatalog (Englische Ausgabe). Helsinki 2024.
An art exhibition rarely seems tailor-made for you, so I could hardly believe my luck when I discovered the announcement on the website of the Ateneum, the Finnish National Gallery in Helsinki, a few years ago: Gothic Modern: From Darkness to Light. An international exhibition project exploring the diverse reception of medieval and Renaissance art by artists of the 19th and 20th centuries. Curated in Helsinki in 2024/25 by museum director Anna-Maria von Bonsdorff and guest curator Juliet Simpson (Coventry University), the exhibition will travel further in 2025/26 to the Norwegian National Gallery in Oslo (curated by Vibeke Waallann Hansen and Cynthia Osiecki) and the Albertina in Vienna (curated by Ralph Gleis).
After being filled with anticipation for some time, I could finally travel to the Finnish darkness in December 2024 to visit the exhibition. Indeed, one could not imagine a more suitable city than Helsinki, with its intriguing subculture, for such an exhibition, nor a better location than the imposing Neo-Renaissance Ateneum building, designed by Theodor Höijer (1843–1910) in 1887. It is quite enchanting to enter this temple of art, from the noise of the bustling station district into the solemn silence surrounding the works on display. To reach the exhibition, one climbs the broad stone staircase with its delicate floral cast-iron banister and is simultaneously immersed in the colorful light of the Gothic period. At the entrance to the first exhibition room, visitors are greeted by a light installation of a Gothic cathedral and a large, illuminated rose window. The interplay of the Ateneum's antique-like architecture with the Gothic architectural details projected onto it creates a beautiful effect.
Perfectly attuned to the exhibition's theme, one now sets off through the rooms decorated in rich hues of violet and orange to discover paintings, prints, and sculptures by Akseli Gallen-Kallela, Vincent van Gogh, Theodor Kittelsen, Käthe Kollwitz, Edvard Munch, Hugo Simberg, Helene Schjerfbeck, Marianne Stokes, Gustave Van de Woestyne, and Arnold Böcklin, among others.
In the first room, however, I am greeted by my old ’fellow’, Karl Friedrich Schinkel, and his painting Medieval City on a River (1) from 1815, in which a Gothic cathedral still under construction stands out brightly against a stormy sky with a rainbow. In addition to medieval art, the Romantic or Revivalist Gothic visions of the first half of the 19th century inspired modern artists. In the 1870s and 1880s, the uncanny Gothic city became the backdrop for artists' imaginary time travels and the setting for new artistic experiments. (2)
In the individual exhibition rooms, modern art is repeatedly complemented by works of art, sculptures, or architectural details from the Middle Ages or the Renaissance. Thus, the sources of inspiration for artists of the 19th and 20th centuries are revealed. It quickly becomes clear what makes this art so fascinating, both then and now: the emotional depictions of universal themes of human existence, such as birth, death, love, suffering, violence, and sexuality.
Through the transformation of medieval and Renaissance art, artists around 1900 arrived at individual solutions for dealing with the problems inherent in human nature and the challenges of their own time. Several recurring motifs and themes can be identified, some of which the artists around 1900 explored in highly personal ways. In addition to the Gothic city, these include individual motifs such as Death and the Maiden or Adam and Eve, the inspiration from medieval depictions of the Dance of Death, or the idea of the artist as a monk and pilgrim. (3)
The exhibited artworks from around 1900 are characterized by a – sometimes very private, as in Edvard Munch's work – symbolism that combines diverse aspects. The connection between femininity, death, transience, and resurrection is particularly appealing and still captivates viewers today. Be it the female angel of death with her mighty feathery wings, appearing before the delicate maiden in her chamber in Marianne Stokes' painting (Death and the Maiden, 1908), the vampiresque young girl in Edvard Munch's woodcut (Rouge & Noir, 1898), or the naked young woman that with raised hands is reaching for the stars on Akseli Gallen-Kallela's altar-like shrine (Ad Astra, 1907).
The morbid beauty of death, transience, and decay, coupled with a touch of eroticism that permeates the entire exhibition, is literally 'enchanting'. This explains the exhibition's enormous success and the crowds of visitors who showed up even during my visit. The audience, predominantly dressed in black, some of whom belonged to the gothic or metal scene, makes it clear that the exhibition has struck a chord, at least here in Finland, and it conveys a very familiar attitude to life. The darkness isn't just black and empty; it's filled with gothic light and inspiration!
Notes:
(1) Karl Friedrich Schinkel (1781–1841): Medieval Town on a River, 1815, oil on canvas, 95 x 140.6 cm, Alte Nationalgalerie Berlin. For illustrations, see: https://recherche.smb.museum/detail/967064
(2) On the motif of the Gothic town, see Juliet Simpson: Journeys to the Gothic – Imagining and Creating a Gothic Modern. In: Juliet Simpson/Anna-Maria von Bonsdorff (eds.): Gothic Modern – From Edvard Munch to Käthe Kollwitz. Exhibition catalog (English edition). Helsinki 2024, pp. 10–35, here pp. 18–20.
(3) The various topics are explored in detail in multiple articles in the accompanying exhibition catalog. See Juliet Simpson/Anna-Maria von Bonsdorff (eds.): Gothic Modern – From Edvard Munch to Käthe Kollwitz. Exhibition catalog (English edition). Helsinki 2024.